Die Uhr ist eigentlich ein Mess- und Anzeigeinstrument. Man verwendet sie, um Zeitabläufe zu messen und anzuzeigen.
Aber kaum ein anderes Messinstrument ist derart selbstverständlich im Alltag integriert wie die Uhr. Das liegt natürlich an ihrer häufigsten Aufgabe: Das Anzeigen der verrinnenden Zeit. Sie zeigt uns den Moment, die Gegenwart. Gleichzeitig hilft sie uns dabei, sich in Vergangenheit und Zukunft zu orientieren, wobei wir für größere Zeitspannen gröbere Mess- und Anzeigeinstrumente wie etwa den Kalender verwenden (der in vielen Uhr ebenfalls in kompakter Form vorhanden ist).
Der praktische Nutzen der Uhr ist allgegenwärtig. Wir können damit Objekte und Subjekte zueinander synchronisieren, also beispielsweise Termine absprechen und auch einhalten. Dafür wurde die Uhr technisch soweit entwickelt, dass sie fast zu hundert Prozent immer die genaue Uhrzeit anzeigt. Der „Uhrenvergleich“ im Vorfeld einer Aktion, wie früher noch oft üblich, ist also nicht mehr notwendig. Ob Digital- oder Analoguhren – sie zeigen die Zeit sehr zuverlässig an.
Umso mehr mag überraschen, wie gerade diese Leistungsfähigkeit uns sehr oft zu negativen Gefühlen verleitet, nämlich immer dann, wenn die zeitliche Synchronisation mit den tatsächlichen Abläufen nicht übereinstimmt. Wenn also etwa jemand zu spät kommt. Noch schlimmer ist das Empfinden, wenn in unseren Augen automatisierte Vorgänge nicht zeitlich korrekt ablaufen. Wenn etwa der Zug oder die S-Bahn zu spät kommen. Dann gehen wir auch mit unterschiedlichen Toleranzgrenzen um.
Nicht nur, dass ein verspäteter Zug uns vielleicht in Schwierigkeiten wegen der erwartungsgemäß verzögerten Ankunft am Zielort bringt – wir fühlen uns auch gewissermaßen betrogen um die Zeit. Die Menge an Betrogenheit kann man dann an der Uhr ablesen. „Zehn Minuten Verspätung“ ist dann manchmal gleichzusetzen mit dem Gefühl „zehn Minuten sinnlose Vergeudung der Lebenszeit“.
Komischerweise machen viele Menschen die Erfahrung, dass man scheinbar Zeit gewinnt, wenn man die Uhr nicht ständig zum Lebensterminator hochjubelt. Wenn man mal fünfe gerade sein und die Seele baumeln lässt. Wenn man mal einfach bei jemandem zu Besuch ist und bleibt, bis man das Gefühl hat, jetzt ist es in Ordnung, wieder zu gehen.
Und nicht, weil die Uhr uns mahnt: Gleich kommt aber die Tagesschau, der Zug, das Abendessen, der nächste Termin oder der Handwerker.
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