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29. November 2009

Stickenmaschinen – gestern und heute

Sticken war lange Zeit reine Handarbeit, die meist von Frauen ausgeführt wurde. Erst als der Elsässer Josua Heilmannim Jahre 1829 den ersten Prototypen einer funktionierenden Handstickmaschine entwickelte, änderte sich dies langsam. Dieses erste Modell einer Stickmaschine wurde mit reiner Muskelkraft betrieben und war in der Lage das Stickmuster parallel auf mehrere Nadeln zu übertragen. Durch den enormen Kraftaufwand erligten diese Arbeiten in der Regel die Männer und die Frauen kümmerten sich um die Nacharbeiten.
Im Jahre 1840, also rund 11 Jahre später, präsentierte Franz Elysäus Rittmeyer und Franz Anton Vogler eine technisch verbesserte Stickmaschine. In den darauf folgenden Jahren wurden immer fortschrittlichere Maschinen konstruiert und Stickfabriken schossen wie Pilze aus dem Boden. Ein weiterer Meilenstein in der Geschichte der Stickmaschinen war die Entwicklung der ersten Schifflistickmaschine durch Isaak Gröbli und J. Wehrli in den Jahren 1864-1870. Die Schifflistickmaschine verband das Prinzip der Nähmaschine mit dem der Stickmaschine und wurde mit einem Benzinmotor angetrieben. Die Maschine von Gröbli und Wehrli arbeitete acht bis zehn mal schneller als andere Stickmaschinen. Dadurch wurden Stickwaren schlagartig günstiger und ein harter Konkurrenzkampf war die Folge.

Heute sind Stickmaschinen aus der Textilindustrie nicht mehr wegzudenken.  Die modernen Stickmaschinen sind in der Lage Stickereien sehr präzise und in großen Stückzahlen anzugefertigen. Große Mehrkopf-Stickmaschinen werden vor allem in der industriellen Stickerei zum Besticken von fertigen Schlauchwaren wie Hemden, T-Shirts oder Mützen eingesetzt und verfügen oftmals über bis zu 56 Stickköpfe. Jeder dieser Stickköpfe ist mit bis zu 15 Nadeln ausgestattet.

Und so darf man gespannt sein, welche bahnbrechenden Entwicklungen es in den nächsten Jahrzehnten im Bereich der Stickmaschinen geben wird.

21. September 2009

Wie der Cowboyhut seinen Weg in die amerikanische Gesellschaft fand

Patrik Berger

Eine Rinder – Ranch in Texas geht in einer Staubwolke unter. Die Tiere werden früh morgens auf die Weideflächen getrieben, um sich dort ihre wulstigen Bäuche mit saftigem Gras voll schlagen zu können. Langsam legt sich die Staubwolke wieder und man erkennt eine handvoll Cowboys, die auf ihren Pferden die Rinderherde flankieren und vorwärts treiben. Als Schutz vor dem aufgewirbelten Staub tragen sie Cowboyhüte und über Mund und Nase hochgezogene Halstücher. Deren Markenzeichen, der Westernhut, ist mehr als nur eine Kopfbedeckung.

Seine Ursprünge hat der Cowboyhut in der mexikanischen Vaquero – Kultur, ein Vaquero ist nichts Anderes als ein mexikanischer Cowboy. In dem Zeitraum von 1836 bis 1846 eroberten und besetzten die Vereinigten Staaten von Amerika die damals mexikanischen Gebiete Texas, Nuevo Mexico und Alta California. Deren vormalige Bewohner wurden enteignet und als Arbeiter, hauptsächlich als Rinderhirten, eingestellt. So kamen die Amerikaner erstmals mit dem Westernhut in Berührung und fertigten erste Kopien an. Diese „Old Style Texashüte“ waren aber von schlechter Qualität und einem Sombrero ähnlich: sie hatten eine niedrige und flache Hutkrone, eine sehr breit ausladende Krempe und verloren, da sie sehr weich waren, sehr schnell ihre Form. Im Jahr 1865 gelang es dem Sohn eines Hutmachers aus Philadelphia, John B, Stetson, einen Cowboyhut aus Biberhaarfilz anzufertigen. Dieser war, auf Grund des Materials, Wasser abweisend und leicht und seine Oberfläche hatte einen glänzenden Schimmer. Sein Äußeres war durch eine breite, leicht nach oben verlaufende Krempe und durch drei Einbuchtungen an der Hutkrone geprägt. Ein weiteres Markenzeichen war das Hutband, dass aus Leder, Rips oder Schlangenhaut sein konnte. Manchmal wurde auch das Strumpfband einer Salon – Schönheit oder der Skalp eines Indianers als Band für den Westernhut verwendet.

Heute werden noch immer die sogenannten „Stetsons“ hergestellt. Ein solcher Cowboyhut kostet aber, da das Biberfell selten geworden ist, an die 2000 Dollar.

29. Januar 2009

Lazarettstadt Mindelheim

1. Vorwort

2. Mindelheim, Lazarettstadt während und nach dem II.
Weltkrieg
2.1 Lazarette in Mindelheim
2Einrichtung und Bestand des Lazaretts auf der Mindelburg
und in der ehemaligen Oberschule
2.3 Bedeutung des Lazaretts auf der Burg für die Stadt
Mindelheim bei Kriegsende

3. Zahlen und Fakten

4. Die Ärzte der Versehrten
5. Professor Dr. Dr. Martin Herrmann
6. Dr. Johannes Müller

5. Verwundungen und Operationsarten

6. Das Lazarett für Gesichts- und Kieferverletzte aus der
Sicht eines Betroffenen
6.1 Individuelles Schicksal
6.2 Persönliche Problemsituationen
6.3 Verein der Gesichts und Kieferverletzten

7. Schlußwort

8. Anhang
8.1 Anmerkungen
8.2 Quellenverzeichnis
8.2.1 Bücher
8.2.2 Zeitungstexte
8.2.3 Sonstige schriftliche Quellen
8.2.4 Interviews
1. Vorwort

Schon während meiner Grundschulzeit fielen mir die verblaßten, großen, roten Kreuze an der alten Knabenschule auf. Erst Jahre später habe ich von dem Lazarett, das darin einmal war, erfahren. Auch in meiner späteren Schule, dem Maristenkolleg, war während des Zweiten Weltkriegs ein Lazarett untergebracht. Diese Tatsache brachte mich auf den Gedanken, mich näher mit der Geschichte der Lazarettstadt Mindelheim zu beschäftigen.
Ab und zu begegnet man auf der Straße noch einem jener Menschen, die vor über 50 Jahren in Mindelheim so etwas wie ein neues Zuhause gefunden haben. Freiwillig sind sie, die Kriegsverletzten, nicht in die Frundsbergstadt gekommen. Sie sind hierher in Lazarette gebracht worden, damit die Verwundungen, die sie aus den schrecklichen Kämpfen des Zweiten Weltkrieges davongetragen haben, ausheilen können. Von ihnen, hauptsächlich von den Gesichts- und Kieferverletzten, und der Lazarettstadt Mindelheim soll meine Facharbeit handeln. Die Recherchen dazu gestalteten sich schwieriger als ursprünglich erwartet, weil nahezu alle amtlichen Unterlagen kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs vernichtet worden sind. So schreibt mir auf eine schriftliche Anfrage Verwaltungs-Oberamtsrat Manfred Putz vom Landratsamt Unterallgäu: „Das von Ihnen angepeilte Thema ist, so interessant es heimat- und regionalgeschichtlich erscheint, um so problematischer in der Quellenlage. … sind die entsprechenden Unterlagen – sofern sie sich beim Landratsamt (Mindelheim) befanden, zum Kriegsende restlos vernichtet worden…“.1 Das Bundesmilitärarchiv in Freiburg teilt mir in einem Schreiben mit: „Von den Lazaretten in Mindelheim (seinerzeit Wehrkreis VII – München) liegen hier aus der Zeit vor 1945 keinerlei Dokumente vor. (…) Die Überlieferungen der Sanitätsabteilungen des Wehrkreises VII gerieten vollständig in Verlust.“2 Eine ähnliche Antwort erhielt ich ebenfalls vom Amt für Versorgung und Familienförderung in Augsburg, und auch das Bayerische Hauptarchiv in München konnte mir nicht weiterhelfen. Durch intensive Nachforschungen und zahlreiche Telefonate ist es mir trotzdem gelungen an wichtige Informationen zu gelangen. Für meine Facharbeit stützte ich mich vor allem auf einige Kopien des Staatsarchivs Augsburg, zahlreiche Artikel und Aussagen von persönlich Betroffenen.

2. Mindelheim, Lazarettstadt während und nach dem Zweiten Weltkrieg

Ab 1939 erfolgte in unserem Raum die vereinzelte, kriegsbedingte Einrichtung von Hilfs-, Reserve-, und Heimlazaretten, verstärkt ab dem Jahre 1942.
1940 werden die ersten verwundeten Soldaten nach Mindelheim ins damalige Kreiskrankenhaus, das nun als Reservelazarett unter der Leitung von Oberstabsarzt Dr. Hofmann, Dr. Hirte und Dr. Feldmaier steht, gebracht. Maria Malinowski, damals Sekretärin im Krankenhaus, erinnert sich noch genau an die Ankunft der ersten Soldaten: „Viele waren verlaust und hatten ansteckendes Fleckfieber, so daß sie erstmal gebadet wurden, und dann in Quarantäne kamen.“3 Ab Februar 1942 steigt die Zahl der Kriegsverletzten, die Mindelheim erreichen, rapide an. Man hat mit weniger Opfern gerechnet, denn schon am 21. April 1942 schreibt der Landrat von Mindelheim an das Staatliche Gesundheitsamt Mindelheim: „(…) Die Krankenhäuser des Kreises sind, besonders da das Kreiskrankenhaus Mindelheim, wegen seiner Beanspruchung als Reservelazarett fast völlig ausfällt, ständig sehr stark belegt, so daß oft Schwierigkeiten mit der Unterbringung von ernstlich krankenhauspflegebedürftigen Patienten eintreten.“4 Er empfiehlt deshalb, die Ärzteschaft des Landkreises darauf aufmerksam zu machen, daß Entbindungen grundsätzlich nicht in Krankenhäusern durchgeführt werden, sondern „zu Hause zu erfolgen haben“. Lediglich bei Geburten, bei denen vorhersehbare Komplikationen zu erwarten sind, könne eine Ausnahme gemacht werden.

2.1 Lazarette in Mindelheim

Gedenktafel am Internat des Maristenkollegs
In Mindelheim bestand eine größere Anzahl von Militärlazaretten. Insgesamt waren es acht , davon eines im Kloster Lohhof, das ebenfalls zur Frundsbergstadt gerechnet wurde. Wie unüberschaubar ihre Anzahl kurz nach Kriegsende war, zeigt eine Meldung von Bezirksarzt Jaesche. Er schreibt am 6. Juni 1945: „Unter den gegenwärtigen Umständen ist die Zahl der Lazarette sehr wechselnd, ebenso die Bettenzahl. Ich verweise auf die täglichen Meldungen durch die Lazarette selbst.“
Neben dem Teillazarett im Kreiskrankenhaus Mindelheim, das ab 1943 als Hauptlazarett genutzt wurde, waren in folgenden Gebäuden der Frundsbergstadt Lazarette untergebracht: Englisches Institut (Reservelazarett), Maximillianstr. 63, Ehemalige Mädchenvolksschule (Teillazarett für Ohrenkrankheiten), Maximillianstr. 60, Josefsstift (Teillazarett), Krumbacher Str. 18, Maristen-Oberschule (Teillazarett), Alte Knabenschule (Teillazarett), Reichenwallerstr., Arbeitsdienstlager (Teillazarett), Georgenstr., und in auf der Mindelburg (Teillazarett). In den vier zuletzt aufgezählten Lazaretten wurde ab Februar 1945 die Gesichts- und Kieferverletzten-Abteilung des Reservelazaretts IV aus Breslau untergebracht.5

2.2 Einrichtung und Bestand des Lazaretts auf der Mindelburg und in der
Oberschule

Im Januar 1945 erreichte die russische Armee Breslau. Der Geschützdonner war bereits im Osten und Norden der Stadt, die am 20. Januar zur Festung erklärt wurde, zu hören, als ihr Leiter Prof. Dr. Dr. Martin Herrmann noch am selben Tag den Entschluß zur Evakuierung traf. Im Reservelazarett IV in Breslau, in dem Hunderte von Kiefer- und Gesichtsverletzten lagen, hieß es über Nacht aufbrechen, und eine neue Zufluchtstätte suchen. Gemeinsam und ohne jede fremde Hilfe retteten 35Ärzte, etwa 100 Schwestern, Angestellte, Helfer und 300 Lazarettinsassen selbst die wertvollen Instrumente und Einrichtungen. Auf sechzehn zweirädrigen Holzkarren wurden die Instrumente, die Medikamente und Verbandsmittel in der Nacht vom 20. auf 21. Januar verpackt. Gegen acht Uhr verließ der große Treck am nächsten Morgen die Südstadt in Richtung Westen. Je zwanzig Verwundete und ein Arzt zogen die schweren Karren ohne Motor und ohne Pferd über die schneebedeckten Landstraßen Schlesiens. Der Marsch über Sachsen, Oschatz und Franken war überaus mühsam und beschwerlich. Besonders die notwendigen Verbandswechsel und Behandlungen bereiteten unterwegs große Schwierigkeiten. Immer wieder mußten Erholungspausen eingelegt werden, weil die Flüchtlinge erschöpft und übermüdet waren. Obwohl der Treck am Tag nur 15 Kilometer zurücklegte, geschah das Wunder: Zwar sehr erschöpft, aber ohne Verluste kamen die Verwundeten, die vielfach schwere plastische Operationen hinter sich hatten, oder frische Kriegswunden trugen, nach Mindelheim. Das Städtchen an der Mindel war glücklicherweise von den Kriegswirren verschont geblieben, so daß Schulen und öffentliche Gebäude zur Aufnahme von Verletzten bereitgestellt werden konnten.
In der Oberschule, dem heutigen Maristenkolleg, später auch in der Knabenschule, fand das Lazarett eine neue Unterkunft. Auf eigene Initiative Prof. Herrmanns wurden in den kritischen Apriltagen 1945 das ehemalige RAD-Lager und die Mindelburg als provisorische Lazarette eingerichtet und so vor Übergriffen geschützt (siehe auch Punkt 2.3). Auf der Mindelburg und im Cafe Engel entstanden eigene Lazarettapotheken. Die folgenden Monate waren für das Lazarett eine harte Notzeit. Daß die Versorgung der Patienten auch weiterhin sichergestellt war, ist wiederum Prof. Herrmann zu verdanken. Bedingt durch die langsame Abnahme der Lazarettbelegschaft, wurde eine Verschmelzung der Lazarette ermöglicht. Am 30. Juni 1946 wurde das „Kriegsgefangenenlazarett Mindelheim“ in seiner Konstitution aufgelöst, und unter dem Namen „Staatliches Versehrtenkrankenhaus“ vom bayerischen Staat übernommen. Am selben Tag wurde das Lazarett in der Oberschule geschlossen. Die Patienten wurden auf die Mindelburg verlegt.

2.3 Bedeutung des Lazaretts auf der Mindelburg für die Stadt Mindelheim

Als „Retter der Mindelburg“ ist Prof. Dr. Dr. Martin Herrmann in die Mindelheimer Geschichte eingegangen. Ihm ist es zu verdanken, daß Mindelheim, vor allem die Mindelburg, vor Zerstörung und Verwüstung bewahrt blieb. Weil der Burgberg die Grenze zum Flachland bildet, war er ein guter Stellungspunkt. Bis zum 21. April 1945 war die Burg von Hitlerjungen besetzt, die sie bis zum letzten verteidigen wollten.
Erst in den frühen Morgenstunden gaben die Jungen nach Zusprache von Dr. Herrmann ihr sinnloses Vorhaben auf. Gleich nach deren Aufgabe und teilweisen Abzug ließ er das Zeichen des Roten Kreuzes auf dem Dach der Burg hissen. Etwa zur selben Zeit bezog eine bayerische Batterie 150 Meter südwestlich Stellung und ging in Bereitschaft, das Feuer gegen die heranrückenden Amerikaner zu eröffnen. Der Batterieführer konnte sich jedoch dem Argument, er verstoße gegen internationale Bestimmungen, wonach kämpfende Einheiten nicht den Schutz eines Lazaretts als Deckung ausnutzen dürfen, nicht verschließen. Samt Batterie mußte er nach Osten abrücken. Für seine oft schwerverletzten Patienten richtete Dr. Hermann daraufhin weitere Operations- und Pflegebereiche in dem alten Burggemäuer ein.
Am 26. April 1945, wenige Stunden vor Ankunft der ersten Amerikaner in Mindelheim spitzte sich nochmals eine gefährliche Situation zu. Blockadematerial hatte sich im Laufe des Tages an einer Straße oberhalb der Stadt angesammelt. Eine Panzersperre sollte errichtet werden, und einige Mindelheimer fuhren Kies den Burgberg hinauf. Auch Baumstämme lagen auf der Straße. Wieder soll es Dr. Herrmann gewesen sein, der den Leuten gut zuredete. Mit einer weißen Fahne kam er von der Burg und sagte den Männern, daß sie durch ihre Aktion nicht die ganze Stadt am Schluß doch noch gefährden sollten. Daraufhin sei der Ausbau der Panzersperren unterblieben. Ein Anlaß zu Kampfhandlungen bei der Übergabe der Stadt bestand somit nicht mehr.6

3. Zahlen und Fakten

Wie bereits im Vorwort erwähnt, wurden am Kriegsende nahezu alle Akten vernichtet. Verständlich, daß nach 50 Jahren die Betroffenen selbst nur noch vage Informationen, zum Beispiel über Bettenanzahl, Belegungsstärke oder Medikamentenverbrauch
geben konnten. Hier haben mir vor allem das Staatsarchiv in Augsburg, und der Beitrag von Manfred Putz in der „Landkreis Unterallgäu“-Chronik weitergeholfen. Zuerst möchte ich auf die Lazarette, ihren Bestand, und die Patienten eingehen:

Reservelazarett Englisches Institut und Teillazarett Kreiskrankenhaus Mindelheim (ab 1943 Hauptlazarett), sowie Kloster Lohhof: 116 Verwundete, Belegung zunächst mit Soldaten von der Ostfront, rund 300 nachfolgende Verwundete aus Nordafrika, der Halbinsel Krim, Sizilien und Monte Cassino. Ab Dezember 1944 wurden Verwundete aus dem gesamten Reichsgebiet in die beiden Lazarette eingeliefert. Unter der Leitung von Oberfeldarzt Dr. Brüning, Dr. Schmidbauer und Stabsarzt Dr. Brenner arbeiteten mehrere Hilfsärzte, rund 53 Ordensschwestern, vier Sanitäter, vier Rot-Kreuz-Schwestern und neun sonstige Kräfte. Die beiden Lazarette bestanden vom 10. 3. 1942 bis zu ihrer Auflösung am 15. 8.1945.

Im Kreiskrankenhaus, dem Teillazarett für Schwerverletzte standen etwa 80 Betten. Während der Bestandzeit von 1939-1947 hatten unter anderem Stabsarzt Dr. Hofmann, Dr. Hirte und Dr. Feldmaier die Leitung inne.

In der ehemaligen Mädchenvolksschule in der Maximillianstraße 60 waren durchschnittlich 60 Betten belegt. Unter der Leitung von Dr. Rudert wurden vor allem Ohrenkrankheiten behandelt. Zum zeitlichen Bestand habe ich keine genauen Zahlen gefunden.

Das Teillazarett Josefsstift in der Krumbacher Straße 18 war durchschnittlich mit 200 Betten belegt. Dr. Schorer, Dr. Schleier, Ordensschwestern und drei zivile Angestellte kümmerten sich um die Patienten während des Frühjahrs 1945.

Die vier folgenden Lazarette waren speziell für Gesichts- und Kieferverletzte eingerichtet:

Der Altbau der Maristen-Oberschule, das heutige Internat, war mit etwa 800 Betten belegt. Vom 22. Februar 1945 bis zum 19. September 1950 wurden dort, wie auch in den anderen drei Lazaretten die Gesichts- und Kieferverletzten von Prof. Dr. Dr. Herrmann und Dr. Johannes Müller, sowie anderen Ärzten behandelt (siehe Punkt 4). Die Maristen-Oberschule diente bis zum 15. Juli 1946 als Kieferlazarett und sollte dann als Tbc-Krankenhaus genutzt werden.

In der Alten Knabenschule in der Reichenwallerstraße sowie im Arbeitsdienstlager in der Georgenstraße standen je 200 Betten.

Auf der Mindelburg waren durchschnittlich 160-180 Betten belegt. So kamen 1945 insgesamt rund 1200 Patienten auf die Burg. 1948 waren es bereits nur noch etwa 60 Patienten. Circa 35 Ärzte und Zahnärzte kümmerten sich in dieser Zeit um die Gesichts- und Kieferverletzten. Von wann, bis wann die Lazarette in der Alten Knabenschule und dem Arbeitsdienstlager bestanden haben, konnte ich nicht mehr mit Sicherheit feststellen. Ab Anfang 1946 wurde nur noch die Mindelburg mit Gesichtsverletzten belegt, so daß anzunehmen ist, daß die übrigen Speziallazarette bis dahin aufgelöst wurden.

Auf eine Regierungsentschließung vom 30. 11. 1945 berichtet der Bezirksarzt Dr. Jaesche in Mindelheim zum vorhandenen Kieferfachlazarett Oberschule Mindelheim:
Bettenzahl: 700
Belegungsstärke: 587 ehemalige Wehrmachtsangehörige
Ärzte: 4
Sonstiges Personal: 82
Zahntechniker: 13

Auch eine Liste vom 27. 09. 1946 über das Inventar, das bei der teilweisen Auflösung des Versehrtenkrankenhauses Mindelheim, Oberschule freigeworden ist, hat sich ebenfalls erhalten.

Von 1400 Verwundeten war die Zahl der Verletzten bis zur Besatzungszeit am 26. April 1945 auf 1100 zurückgegangen. Am Jahresende waren es noch 575. 38 Ärzte und Zahnärzte, 80 Schwestern und 36 Zahntechniker versorgten die Verwundeten. Bis 1957 griffen die Ärzte in 921 größeren und 226 kleineren Operationen und in 9800 Spezialbehandlungen heilend ein, und gaben vielen Verwundeten wieder neue Lebenshoffnung.

Die beiden Lazarettapotheken verarbeiteten im Zeitraum eines knappen Jahres 20 Zentner Pulver zu Lösungen, Salben, und Pudern. Mit dem Mull- und
Gipsbinden hätte man eine Eisenbahnstrecke von 10 000 Kilometern bedecken können. An flüssigen Arzeimitteln wurden 8000 Liter verbraucht.7

1940: Die ersten verwundeten Soldaten werden ins Kreiskrankenhaus
Mindelheim eingeliefert.

1945: Bis zum 21. April war die Mindelburg mit Hitlerjungen und Wehrmachts-
soldaten besetzt.
Am 26. April besetzen amerikanische Truppen Mindelheim

1946: Am 30. Juni wird das Lazarett vom Land Bayern als Staatliches
Versehrtenkrankenhaus übernommen. Dies hat vor allem finanzielle
Vorteile. Am selben Tag wird das Lazarett in der Oberschule aufgelöst.
Die Patienten werden auf die Mindelburg verlegt.8

1948: Im Oktober verläßt Chefarzt Dr. Herrmann Mindelheim und praktiziert in
Mainz. Sein Nachfolger wird Dr. Müller.

1949: führte das Versehrtenkrankenhaus auf der Mindelburg über 500
Operationen durch. Dabei wurden 102 Brücken und 191 Prothesen
eingegliedert.9

1950: Im Herbst wird die Mindelburg als Versehrtenkrankenhaus aufgelöst. Der
Rest der Patienten wird nach Bad Tölz verlegt.

1976: Im März stirbt Prof. Dr. Dr. Martin Herrmann

1986: Dem Verein der Gesichts- und Kieferverletzten wird die Gemeinnützigkeit
zuerkannt.

1996: Dr. Johannes Müller verstirbt im Alter von 86 Jahren in Bad Tölz.

4. Die Ärzte der Versehrten

Rund 35 Ärzte und Zahnärzte behandelten die Gesichts- und Kieferverletzten in Mindelheim. Zwei, die sich besonders verdient gemacht haben, sind Professor Dr. Dr. Martin Hermann und Dr. Johannes Müller.

4.1 Professor Dr. Dr. Martin Herrmann
Sein Name und sein Wirken sind mit dem Namen Mindelheim der Nachkriegszeit eng verbunden. Hingebungsvoll, überragend in seiner ärztlichen Kunst und seiner menschlichen Mitfühlsamkeit, oblag das Kieferlazarett auf der Mindelburg seiner Leitung. Es gelang ihm, unzähligen Verwundeten, die schwerste Gesichtsverletzungen erlitten hatten, durch schwierige Operationen ein menschliches Aussehen wiederzugeben.
Der Mindelheimer Redakteur Martin Moest hat einmal über ihn geschrieben: „Sein ärztliches Bemühen ist unvergessen, sein Menschentum setzte ein Beispiel, das wie ein Leuchturm in einer dunklen Zeit wirkte.“ In Penzing, Schlesien, als dritter Sohn eines Kontors und Hauptlehrers geboren, besucht Herrmann das Humanistische Gymnasium in Görlitz.
Nach dem Abitur mußte er 1914 am Ersten Weltkrieg teilnehmen, aus dem er, mehrmals verwundet, 1918 zurückkehrte. Anschließend studierte er in Breslau Medizin und Zahnheilkunde und ließ sich in seiner Heimatstadt als Zahnarzt nieder. Zu weiteren medizinischen Studien ging er 1929 nach Breslau zurück, wo er 1931 als Oberarzt der Zahn-Mund-Kieferklinik der Universität einen ministeriellen Lehrauftrag erhielt und sich später habilitierte. In Breslau eröffnete er 1934 eine eigene Praxis und wurde Leiter der Städtischen Kieferklinik. 1939 wurde Herrmann eingezogen und mit dem Aufbau der Kiefer- und Gesichtsverletzten-Abteilung im Reserve-Lazarett IV in Breslau vertraut. Von dort floh er am 21. Januar 1945 mit seinen Patienten und Angestellten nach Mindelheim. Im Oktober 1948 verließ Chefarzt Dr. Herrmann das Versehrtenkrankenhaus Mindelheim, das inzwischen viele Patienten als geheilt entlassen konnte. Bis 1949 übernahm Dr. Johannes Müller, der seit 1939 Herrmanns Mitarbeiter war, die Leitung der Mindelburg. Herrmann hat über 200 wissenschaftliche Arbeiten veröffentlicht. Er starb 1976. Zur Erinnerung an seine Arbeit benannte die Stadt Mindelheim eine Straße nach ihm.10

4.2 Dr. Johannes Müller

Im Alter von 86 Jahren verstarb Dr. Johannes Müller im Jahre 1996. Seine Patienten nannten ihn liebevoll „Vater der Gesichtsverletzten“. Müller studierte Zahnheilkunde. Nachdem Dr. Herrmann einem Ruf an das Ordinariat der Zahn-Mund-Kiefer-Heilkunde der neu gegründeten Universität Mainz gefolgt war, wurde sein langjähriger Mitarbeiter Dr. Johannes Müller Leiter des Versehrtenkrankenhauses in Mindelheim.
Der Vorsitzende des Vereins der Gesichts- und Kieferverletzten, Friedrich Wendorf.
Etwa 60 Patienten gingen mit Müller 1949 nach Bad Tölz, wohin das Spezialkrankenhaus verlegt wurde. Ihnen half er durch seine Operationen und auch durch seine psychische und physische Kraft zu einem „neuen Leben“. In Gesprächen mit Betroffenen hatte ich das Gefühl, daß Müller bei allen mehr als „nur“ beliebt war. Im Juni dieses Jahres enthüllte der Vorsitzende des Vereins der Gesichts- und Kieferverletzten, Friedrich Wendorf, eine Gedenktafel am Grab von Dr. Müller.11

5. Verwundungen und Operationsarten

Es ist für einen Laien schwer, sich von der Art der Gesichts- und Kieferverletzungen eine auch nur einigermaßen richtige Vorstellung zu machen. Auch ich war von der Kunst der Ärzte außerordentlich positiv überrascht, als mir einige ehemalige Patienten alte Aufnahmen von sich zeigten.
Während der Behandlung sahen viele wie „Monster“ aus. Verständlich, das mir niemand sein Foto geben wollte, weil ich glaube, daß die Scham auch heute noch in den Köpfen sitzt. Trotzdem ist die Art, mit der die Verletzten mit ihren Verwundungen umgingen und -gehen bewundernswert.
Dr. Brunier, einer der Ärzte.
Manche der Verwundeten hatten, als sie eingeliefert wurden, ganze Teile des Gesichts verloren. In einem langwierigen Heilungsprozess, bis zu 30 Operationen in drei bis vier Jahren, wurden an Wunder grenzende Ergebnisse erzielt. Die Voraussetzung für den Heilungserfolg einer Gesichtsplastik ist die Wiederherstellung des knöchernen Gesichtsschädels. Einfachere Kieferbrüche heilten meist in sechs bis acht Wochen. Oftmals handelte es sich aber bei den Kieferschußverletzungen um komplizierte Brüche mit Zungenzerreißungen, Gaumendachdefekten und größeren Weichteilverlusten. Wegen des Verlustes größerer Knochenpartien konnten die Bruchstücke häufig nicht zusammenwachsen, so daß vorerst erhebliche Knochendefekte, manchmal von einem Kiefergelenk bis zum anderen, blieben. Indem man je nach Bedarf ein 1-15 cm langes Knochenstück aus der Rippe, dem Schienbein, meistens aber aus dem „Beckenkamm“ entnahm, konnten diese Knochenlücken nach entsprechender plastischer Formung und Vorbereitung an der gewünschten Stelle eingepflanzt werden. Bis 1943 mußte dabei noch mit bis zu 20 Prozent mit einem Mißerfolg der Operation gerechnet werden, weil das Implantat nicht einwuchs und sich von selbst durch Eiterung abstieß. Bis Mitte 1946 sank diese Quote durch die Verbesserung der Operationsmethoden auf 1-2 Prozent. Knochentransplantationen wurden in lokaler Betäubung durchgeführt und waren für das Leben der Patienten ungefährlich. Beschwerlich waren vor allem die Wochen danach. Feste Drahtverschnürungen an gegenüberliegenden Zähnen sorgten dafür, daß das Kiefer für längere Zeit stillgestellt war, hinderten den Patienten aber gleichzeitig am Kauen und Öffnen der Kiefer. Die Ernährung bestand dann längere Zeit nur aus flüssiger Kost. Hier erwies sich Mindelheim gegenüber einer Großstadt als vorteilhafter. Eier, Frischmilch usw. waren leichter auf dem Land zu beschaffen. Am 13. Dezember 1946 schreibt das Bayerische Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten an das Staatliche Versehrtenkrankenhaus für Gesichts- und Kieferverletzte in Mindelheim, daß Reis, Grieß, Suppen und Fruchtsäfte beim Verpflegungslager München künftig laufend zur Verfügung stünden. In eigenen Laboratorien des Lazaretts wurden Zahnersätze, Brücken und Prothesen angefertigt und hergestellt.
Erst nachdem durch die Knochenimplantationen das knöcherne Gerüst des Gesichtsschädels wiederhergestellt war, konnten die Gesichtsweichteile behandelt werden. Kleinere Wunden ließen sich oft durch Gewinnung von Muskel-Fett-Hautlappen aus der unmittelbaren Nachbarschaft schließen. Bei größeren Defekten waren mehrere Operationen nötig. Zuerst gewinnt der Arzt bei einer Operation aus Brust, Bauch, Armen oder dem Rücken einen großen Hautfettlappen, der wurstförmig gerollt wird. Diesen konnte man aber nicht sofort vollständig z. B. an das Kinn annähen, da er ständig durchblutet sein mußte. So war der „Wurstlappen“ z. B. mit einem Ende an der Brust, mit dem anderen Ende am Kinn angenäht. Erst bei der nächsten Operation löste man das eine Ende an der Brust, und nähte es ebenfalls am Kinn an. Auf diese Weise erhielt mancher Patient sein fehlendes Gaumendach aus Bauch- oder Brusthaut, Wangenteile, die Nase oder die Lippen aus Brust-, Rücken-, Stirn- oder Armhaut.12
In einem Artikel der Mittelschwäbischen Tagespost von 1950 fand ich folgende Beispiele: „…Da ist u. a. der Patient N., dem an der Ostfront ein Explosivgeschoß den ganzen Unterkiefer weggerissen hat. Sein Anblick vor der Operation war geradezu erschütternd. Er sah kaum noch menschenähnlich aus und konnte kaum sprechen und nur in liegender Stellung essen und trinken. Wegen seines traurigen Körperzustandes war er auch seelisch in schlimmster Verfassung. Durch eine ausgezeichnet gelungene Operation wurden diesem Manne die fehlenden Bruchteile des Unterkiefers neu aufgebaut, so daß er den Mund wieder schließen konnte. Einige Monate später erhielt er den fehlenden Unterkieferknochen durch einen großen Knochenspan aus der Hüfte ersetzt, wodurch die Grundlage für die Neugestaltung des Unterkiefers geschaffen wurde. Der jetztigen Gestaltung des Gesichtes ist von der Schwere der Verletzung nichts mehr anzumerken; die Operationen hinterließen nur unbedeutende Narben. Der Behandelnde steht wieder in Arbeit. … Ein anderer Kriegsbeschädigter hatte durch Granatsplitter sein rechtes Auge und einen Großteil der Schleimhaut der Augenhöhle verloren. Die Vernarbungen in der Augenhöhle waren so stark, daß ein künstliches Auge niemals hätte eingeführt werden können. Um dies doch zu ermöglichen, wurden die Narben aus der Augenhöhle operativ entfernt und es wurde ein Hautstückchen vom Unterarm als Ersatz für die Schleimhaut in die Augenhöhle eingepflanzt. Über diesen Schleimhaut-Ersatz wurde dann das Augenlid, das das Kunstauge hält neu aufgebaut. …“

6. Das Lazarett für Gesichts- und Kieferverletzte aus der Sicht eines Betroffenen

Es ist ein sonniger Septembertag, als ich Werner M. in Schwabmünchen besuche. An den Tag kurz vor Kriegsende, der sein Leben veränderte, erinnert sich der rüstige Rentner noch genau. Drei Jahre lag M. auf der Mindelburg. Geboren wurde M. am 12. Juli 1926 in der schlesischen Provinzhauptstadt Liegnitz. Anfang September 1942 kam er zur Luftwaffe.
Vor seiner Gesichtsverletzung am 13. März 1945 war er bereits mehrmals verwundet, unter anderem hatte er einen lebensgefährlichen, doppelten Lungendurchschuß, einen Steckschuß im Hals und einen im Herzen. Da er aber immer wieder für kriegsverwendungsfähig eingestuft wurde, kam er stets wieder als Pilot an die Front.
Werner M. (siehe Bild) hatte den Rang eines Oberfähnrich, als er im Frühjahr 1945 auf dem Flugplatz Braunsberg/Königsberg stationiert war.
An den Tag seines letzten Einsatzes, den 13. März 1945, erinnert er sich lebhaft. Die Front lag 10-15 Kilometer entfernt, als die Flieger gegen sechs Uhr geweckt wurden. „Saukalt“ sei es gewesen. Nachdem sich die Soldaten zurechtgemacht hatten, wurden die Maschinen vom Typ H 111 „vermunitioniert“ und gegen acht Uhr angeschmissen. Vier Personen, Pilot, Copilot, Funker und Bordschütze, fanden in dem Flugzeug Platz. Der Auftrag lautete, den 80-100 Kilometer entfernten Bahnhof Kownow, der ein wichtiger Nachschubbahnhof für die Russische Armee war, zu bombardieren. Die Flugzeit betrug 25 Minuten, dann wurde der „Rotz“, wie die Bomben bei den Soldaten hießen, abgeschmissen. Beim Rückflug geschah dann das Unglück. Die russischen Soldaten hatten inzwischen eine deutsche Flakeinheit überrannt, und mehrere Geschütze fielen in ihre Hände. Doch trotz der klaren Sicht und einer eisigen Temperatur von -30 Grad habe man davon „oben“ nichts mitbekommen. So sei die „Überraschung“ auch sehr groß gewesen, als auf einmal, gegen neun Uhr, links und rechts von der Kanzel zwei Granaten krepierten. Sofort sackte die flugfähige Maschine in Senkflug. Eine Scheibe war seitlich eingeschlagen, das Bein des Copiloten war ab, Funker und Bordschütze hatten leichtere Verletzungen. Wegen der „inneren Anspannung“ merkte Werner M. zunächst nichts von seiner Gesichtsverletzung. Er habe es gerade noch geschafft, die Maschine zum 2,5 Kilometer entfernten Flughafen zu bringen und dort ausrollen zu lassen. Ab da „fehlen“ ihm 2-3 Stunden. In einem alten Bauernhaus war die erste Verbandsstelle. Von dort kam M. in ein Lazarett in Königsberg und dann nach Frederizia in Dänemark. Dann sollte er im Juli mit einigen Kameraden nach Deutschland verlegt werden, doch die dänische Heimwehr weigerte sich zunächst. Bei Kriegsende war Werner M. also nicht in Mindelheim. In das örtliche Speziallazarett kam er erst nach 16 Operationen. Das erste, was M. zu Mindelheim einfällt, sind die dreistöckigen Feldbetten mit strohgefüllten Matratzen und blaukarierten Decken. Als er in die Mindelburg eingeliefert wurde, gab es zehn große Zimmer für Verwundete, einen Operationssaal, ein Labor, eine Küche, einen Apotheken- und einen Verwaltungsraum. Zu der Zeit waren aber bereits keine amerikanischen Soldaten mehr auf der Burg. Die Zeit vertrieb er sich, wie viele seiner Leidgenossen mit Karten- oder Schachspielen und Spaziergängen. Eine Zahnpasta hätte er gerne gehabt, aber bei 50 Pfennig, die sie pro Tag erhalten hätten, wäre dieser Luxus nicht erschwinglich gewesen. Eine Semmel kostete bereits fünf Pfennig. Gern erinnert sich M. an einen Bäcker, der ihm öfters Semmel schenkte. Nebenzu arbeitete er als Operationshelfer. Geld bekam er dafür allerdings nicht, vielleicht ab und zu mal ein Freßpaket. 1947 erfuhr der ehemalige Flieger, wo seine
Mutter war, die er nach seiner Entlassung 1950 in Krumbach aufsuchte. 1954 heiratete er seine Frau, mit der er auch heute noch in einem Haus mit großem Garten in Schwabmünchen lebt.

6.1 Persönliche Problemsituationen

Es gab viele Verwundete, die schwer unter den Entstellungen des Krieges litten, die den Glauben an sich selbst und jegliche Lebenshoffnung verloren hatten. Insofern hatten es die Gesichts- und Kieferverletzten besonders schwer, weil man die schrecklichen Verwundungen nicht einfach mit einem Kleidungsstück bedecken kann. Nicht nur die teilweise Ablehnung, aufgrund der Verletzung, bei den Mitmenschen, auch das eigene Seelenleben machte den Versehrten zu schaffen. Sie mußten lernen mit dummen Bemerkungen oder verletzenden Blicken zu leben. Einer von den Versehrten sagte mir auf der Weihnachtsfeier, daß Kinder grausam sein können, weil sie einfach die Wahrheit freiheraus sagen. Auch Werner M. schämte sich anfänglich wegen seines Aussehens. Geholfen haben ihm seine Kameraden, die oft viel „Galgenhumor“ bewiesen hätten. „Einen Selbstmord hat es in Mindelheim keinen gegeben“, sagt Werner M., „doch da gab es einen ganz jungen Burschen, der sehr unter Depressionen litt.“ Durch ständige Beschäftigung hat man versucht ihn von dummen Gedanken abzuhalten. Gottesdienste, eine eigene Musikkapelle, eine Theatergruppe, Rundfunk, Bastelstube, Schreibmaschinen-, Steno- und Sprachunterricht sowie Spaziergänge, Gartenarbeit und Kinobesuche wurden von den Ärzten als „Arbeitstherapie“ entwickelt.
Die Versehrten hatten auch mit finanziellen Problemen zu kämpfen. Wie bereits erwähnt erhielten sie bis, und auch noch nach der Währungsreform, nur 50 Pfennig am Tag. Kleidung oder Schuhe waren unerschwinglich. Als Werner M. mal nach gebrauchten Schuhen im Mindelheimer Sozialamt nachfragte, habe man seine Bitte mit der Bemerkung, daß es keine gäbe, abgelehnt. Der Mindelheimer hinter ihm aber habe welche erhalten. Ganz im Gegensatz dazu wurden die Versehrten nach der Währungsreform behandelt: „Wir wurden direkt umworben.“ Werner M. arbeitete beim Sachonverlag auf der Mindelburg. Dort schnitt und heftete er Zeitungen. Ein Teil des Lohnes wurde in Materialien, z.B. in Bügeleisen, ausbezahlt. Diese wurden dann als Tauschmittel hergenommen, denn „was soll man schon mit vier Bügeleisen?“ Mit dem Versorgungsamt muß Werner M. sich auch heute noch schriftlich auseinandersetzen. „Eine Gesichtsverletzung ist halt was anderes, als wenn ein Bein oder ein Arm fehlt.“ betont er. Viele der Versehrten seien als Behinderte zu niedrig eingestuft worden. Krankheiten, die erst lange Zeit nach der Verwundung auftreten, würden oft nicht als Spätfolge anerkannt. Und wie soll man das dann beweisen? Trotz des schweren Schicksalsschlages blickt der passionierte Mineraliensammler und Hobbyforscher mit guter Erinnerung auf sein Leben zurück.

6.2 Der Verein der Kiefer- und Gesichtsverletzten

Alle zwei Jahre treffen sich die Gesichts- und Kieferverletzten in Mindelheim. Das erste große Treffen fand 1984 statt. Rund 200 Gäste aus allen Teilen der Bundesrepublik, und auch aus Berlin, sind damals in den Kolpingsaal gekommen, um ein Wiedersehen zu feiern. Am 24. Februar 1986 wurde dem Verein die Gemeinnützigkeit zuerkannt. Eine Stadtbesichtigung und der Austausch von gemeinsamen Erlebnissen gehören natürlich mit zu jedem Treffen. Am 26. März 1996 besuchte ich die Jahreshauptversammlung des Vereins. Unter anderem wurde dort auch der Vorstand neu gewählt. Hier knüpfte ich meine ersten Kontakte zu den Versehrten. Zum 1. Vorstand und Schriftführer wurde Friedrich Wendorf, zum 2. Vorstand und Kassenwart Gottfried Stäger gewählt. Die beiden Mindelheimer beteiligen sich schon jahrelang aktiv am Vereinsleben. Im Dezember besuchte ich die Advent- und Weihnachtsfeier der Gesichts- und Kieferverletzten im St.-Josef-Stift. Auch ein Arzt, Dr. Brunier,
war gekommen. Mit ihm führte ich ein sehr reges Gespräch über die Art der Verwundungen und ihre Ausheilung. Da die Mitglieder des Vereins altersbedingt nach und nach sterben, wird er wohl nur noch einige Jahre existieren. Schon jetzt müssen die Mitglieder in der Vorstandschaft mehrere Aufgaben übernehmen.

7. Schlußwort

Leicht hatten es die Mindelheimer Gesichts- und Kieferverletzten bestimmt nie in ihrem Leben. Um so bewundernswerter bleibt, wie sie mit ihrem Schicksal fertig wurden. Das Resümee, das ich nach fast einjähriger, intensiver Auseinandersetzung mit den Versehrten ziehen kann, lautet: „Nie wieder Krieg!“
8. Anhang
9. Anmerkungen

Besonders danken möchte ich Erwin Holzbaur, der mir im Stadtarchiv geholfen hat, die passenden Artikel zu finden, und allen Versehrten , die mir von ihren Erlebnissen erzählt haben.

8.2 Quellenverzeichnis

8.2.1 Bücher
Landkreis Unterallgäu, S. 776ff, Manfred Putz
Heimatbrief, Ausgabe von 1970, S. 56 , Martin Moest
Heimatbrief, Ausgabe von 1976, S. 60, Martin Moest
Heimatbrief, Ausgabe von 1986, S. 32, Martin Moest
Heimatbrief, Ausgabe von 1988, S. 20/21, Martin Moest
Heimatbrief, Ausgabe von 1995, S. 17-19, Martin Moest
Heimatbrief, Ausgabe von 1996, S. 55, Andrea Magg

8.2.2 Zeitungstexte
Mittelschwäbische Tagespost vom 3. 11. 1948, „Ein Arzt und Menschenfreund scheidet“, Autor unbekannt
Mittelschwäbische Tagespost von 1950, „Menschen finden ihr Anlitz wieder“, Autor unbekannt
Lokalzeitung von 1957, „Als 1400 Kiefer- und Gesichtsverletzte nach Mindelheim kamen“, Autor unbekannt
Mindelheimer Zeitung vom 20./21. 3. 1976, „Er war auch der Retter der Mindelburg Trauer um Professor Dr. Dr. Herrmann“, Martin Moest
Mindelheimer Zeitung vom 8. 5. 1984, „Wiedersehen nach 40 Jahren Kriegsverletzte erinnern sich zurück“, Helga Acker
Mindelheimer Zeitung vom 5. 5. 1986, „Versehrte haben Lebensmut bewiesen“, Helga Acker
Mindelheimer Zeitung, Erscheinungsdatum unbekannt, „Wie das Versehrten-Krankenhaus nach Mindelheim kam“, Autor unbekannt
Mindelheimer Zeitung vom 28. 4. 1995, „Lazarett schützte die Mindelburg“, Pit Schurian
Mindelheimer Zeitung, 1996, „Große Trauer um Dr. Johannes Müller“, Helga Acker
Mindelheimer Zeitung vom 29./30. 6. 1996, „Kieferverletzte haben Dr. Müller viel zu verdanken“, Wilhelm Unfried

8.2.3 Sonstige schriftliche Quellen
Brief vom 29.11.96 vom Landratsamt Mindelheim
Aktenkopien des Staatlichen Gesundheitsamtes Mindelheim aus dem Archiv des Staatsarchivs Augsburg. Sämtliche Unterlagen, sind dem Ordner beigefügt.
Brief des Landrats an den Leiter des Staatlichen Gesundheitsamtes, 21. 4. 1942
Auflistung des Bezirksarztes, 16. 10. 1946
Nachricht des Bayerischen Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, 13. 12. 1946
Einnahmebescheinigung, 4. 1. 1947
Brief des Staatlichen Gesundheitsamtes Mindelheim, 24. 1. 1947
Brief des Staatlichen Gesundheitsamtes Mindelheim, 8. 4. 1947
Brief des Bezirksarztes an den Regierungspräsidenten von Schwaben, Datum unbekannt

8.2.4 Interviews
mit: Erwin Holzbauer, Mindelheim
Maria Malinowski, Mindelheim
Karl Spieß, Mindelheim
Friedrich Wendorf, Mindelheim
Gottfried Stäger, Mindelheim
Dr. Brunier
Werner M., Schwabmünchen
und zahlreichen anderen Versehrten während der Weihnachtsfeier der
Gesichts- und Kieferverletzten

Ich erkläre hiermit, daß ich die Facharbeit ohne fremde Hilfe angefertigt und nur die im Literaturverzeichnis angeführten Quellen und Hilfsmittel benutzt habe.

Mindelheim, den 3. Februar 1997

Ich erkläre hiermit, daß ich die Facharbeit ohne fremde Hilfe angefertigt und nur die im Literaturverzeichnis angeführten Quellen und Hilfsmittel benutzt habe.

Mindelheim, den 3. Februar 1997

CDU

Inhaltsverzeichnis:

1. Geschichte der CDU Seite 3

2. Programmatik Seite 5
2.1. Wirtschafts- und Sozialpolitik Seite 5
2.2. Grundsatzprogramm der CDU Deutschland Seite 6

3. Ökologische und soziale Marktwirtschaft Seite 7
3.1.Prinzipien der ökologischen und sozialen
Marktwirtschaft Seite 7
3.2. Markt und Wettbewerb Seite 7

4. Mitgliederentwicklung und Organisationsstruktur Seite 8
4.1.Mitgliederentwicklung bis 1977 Seite 8
4.2.Mitgliederentwicklung bis Ende 2002 Seite 9
4.3.Struktur der Mitgliedschaft Seite 10
4.3.1. Gliederung Seite 10
4.3.2. Geschlecht Seite 10
4.3.3. Beruf Seite 11
4.3.4. Alter Seite 11
4.3.5. Dauer der Mitgliedschaft Seite 12

1. Geschichte der CDU

Die Christlich- Demokratische Union (CDU) ist eine politische Partei in der Bundesrepublik Deutschland. Sie wurde im Jahre 1945 von Menschen gegründet, die nach dem Scheitern der Weimarer Republik, den Verbrechen des National-sozialismus und angesichts des kommunistischen Herrschaftsanspruchs nach 1945 die Zukunft Deutschlands mit einer christlich geprägten, überkonfessionellen Volkspartei gestalten wollten. Es galt, die Schwäche des fast ausschließlich katholisch orientierten Zentrums in der Weimarer Republik zu überwinden.

Das erste Reichstreffen fand im Dezember 1945 in Bad Godesberg statt. Die Gründungszentren der Partei waren Berlin (hier u.a. durch A. Hermes, den ehemaligen Landwirtschaftsminister der Weimarer Republik) und das Rheinland (u.a. durch Konrad Adenauer). Sie wurde ebenso in der sowjetischen Besatzungszone zugelassen. Am 01.07.1945 würden die “Kölner Leitsätze” als Programmentwurf der christlichen Demokraten Deutschlands verabschiedet. Anfang 1946 kam es zu einer Vereinigung der CDU in der Britischen Besatzungszone. Dieser Zusammenschluss wurde jedoch in der amerikanischen und französischen Zone durch die Besatzungsmächte untersagt. 1947 verabschiedete die CDU in der Britischen Besatzungszone das “Ahlener Programm“. Unter dem Druck der sowjetischen Besatzungsmacht trennten sich die Landesverbände der SBZ von der Zonenleitung in Berlin. Jakob Kaiser und Ernst Lemmer wurden als Parteivorsitzende für funktionsunfähig erklärt. Damit war der legale Hauptvorstand der CDU in Berlin ausgeschaltet.

Die CDU befand sich seit 1948 im Verwaltungsrat des Vereinigten Wirtschaftsgebietes. Im Oktober 1950 fand das erste Bundesparteitreffen in Glossar statt. Es kam zum Zusammenschluss aller einzelnen Landesverbände zu einer Bundespartei. Konrad Adenauer wurde Vorsitzender und erster Bundeskanzler. Die CDU war von1949 – 1969 in der Bundesregierung (durch die Kanzler K. Adenauer, L. Erhard, K.G. Kiesinger und viele Minister) maßgeblich am Aufbau der Bundes-republik Deutschland beteiligt. Gestützt auf ein christliches Menschenverständnis setzt die Partei auf die Grundwerte Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität, sie bekennt sich zum Modell der ökologischen und sozialen Marktwirtschaft. Die Partei strebte eine Personalunion von Kanzler und dem Parteivorsitzenden an.

Bei der Ersten Bundestagswahl am 14.08.1949 erhielt die CDU 25,2% der Stimmen und bildete zusammen mit der CSU die stärkste Fraktion. Die „Düsseldorfer Leitsätze“ von 1949 gaben einer privatwirtschaftlichen Ordnung den Vorrang und betonten die Prinzipien der sozialen Marktwirtschaft, welche Ludwig Erhard zum politischen Programm erhoben und schließlich auch in der Praxis erfolgreich durchgesetzt hatte. Diese Tendenzen wurden ebenso im Hamburger Programm verankert. Das Programm blieb 15 Jahre lang für die politische Linie der CDU gültig. In den fünfziger- und sechziger Jahre, unter der Führung Konrad Adenauers, spielten programmatische Gesichtspunkte oder gar ideologische Auseinandersetzungen bei der CDU, welche sich von Anfang an als eine Volkspartei verstand, keine Rolle. Die Wahlerfolge der „Kanzlerpartei“ schienen allein durch Persönlichkeiten, wie Konrad Adenauer und Ludwig Adenauer, den „Vater des deutschen Wirtschaftswunders“ automatisch garantiert zu sein. Die CDU vernachlässigte somit den Aufbau einer wirksamen Parteiorganisation. Die Partei besaß 1954 nur etwa 200.000 Mitglieder. 1957 errangen die CDU und CSU bei der Bundestagswahl zusammen die absolute Mehrheit mit 50,2% aller Stimmen. Ludwig Erhard wurde nach dem Rücktritt Konrad Adenauers im Jahre 1963 zum Bundeskanzler gewählt. 1966 einigten sich CDU/CSU und SPD, eine Große Koalition unter Kurt Georg Kiesinger als Bundeskanzler zu bilden.

Im Berliner Programm von 1968 entwickelte die CDU ihre Programmatik weiter. Sie sah sich erst durch den Verlust der Regierungsverantwortung im Jahre 1969 veranlasst, ihre Programmatik zu erneuern und die Organisation zu verbessern. Die Folge war das erste Grundsatzprogramm der CDU, welches 1978 auf dem Ludwigsfelder Parteitag verabschiedet wurde. Es enthielt generelle Aussagen zu unterschiedlichen Politikfeldern wie Familie, Erziehung, Bildung und Kultur, Wirtschafts- und Sozialordnung, Deutschland-, Europa-, Sicherheits- und Ostpolitik. Das Programm erneuert das Bekenntnis zur Marktwirtschaft, zeigt aber gleichzeitig die Notwendigkeit sozialpolitischer Korrekturen auf.

Die Reformen blieben nicht nur auf die Programmatik beschränkt. Die Parteiorganisation weitete sich aus, so dass die Mitgliederzahl seit 1969 um mehr als das doppelte anstieg. Die CDU hatte den Charakter einer Honoratiorenpartei (die Partei der Wichtigen und Einflussreichen) abgelegt. Besonders gefördert wurde diese Anpassung an die Notwendigkeit einer Massenpolitik durch die Generalsekretäre Kurt Biedenkopf (1973-1977) und Heiner Geißler (1977-1989).

Bis 1969 prägte die CDU die Politik in der Bundesrepublik Deutschland als christliche und soziale Volkspartei mit konservativen Zügen. Am 01.10.1982 erklärte der Deutsche Bundestag ein konstruktives Misstrauensvotum gegen Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) und wählte mit den Stimmen von CDU, CSU und FDP Dr. Helmut Kohl zum Nachfolger. Von 1982 bis 1998 stellte die Christlich-Demokratische Union mit ihrem damaligen Parteivorsitzenden Dr. Helmut Kohl wieder den Bundeskanzler. Nach der verlorenen Bundestagswahl 1998 verkündete Helmut Kohl seinen Rücktritt vom Amt des Parteivorsitzenden. Infolge der Parteispendenaffäre 1999 /2000 geriet die CDU in die schwerste Krise ihrer Geschichte.

Angela Merkel wurde am 20.03.2000 zur neuen Parteivorsitzenden gewählt.

Die CDU zeichnete in der Vergangenheit für die Durchsetzung der Sozialen Marktwirtschaft weitgehend verantwortlich und hat die Westintegration der Bundesrepublik vorangetrieben. Sie trat ebenso für eine rasche Vereinigung der beiden Deutschen Staaten ein.

Zu den Wichtigsten Vereinigungen der CDU (unter anderem Frauenvereinigung, Sozialausschüsse, Mittelstandsvereinigung) gehört die junge Union, die Jugendorganisation von CDU und CSU. Sie versteht sich als “Motor einer ständigen Erneuerung in den Unionsparteien, sachpolitisch und personell“ und sympathisiert überwiegend mit dem linken Flügel der Christlichen Demokraten.
2. Programmatik

2.1. Wirtschafts- und Sozialpolitik

Eine grundlegende Erneuerung der Wirtschafts-, Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik hat der Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Friedrich Merz, auf einem arbeitsmarktpolitischen Kongress der Fraktion in Gelsenkirchen gefordert. Der letzte Platz beim Wirtschaftswachstum in der europäischen Liga, eine extrem hohe Zahl von Arbeitslosen und eine äußerst angespannte Lage der öffentlichen Haushalte machten nur all zu deutlich, wie notwendig ein politischer Kurswechsel sei.

Um die Wettbewerbsfähigkeit von Deutschland im Weltmaßstab zu erhalten, muss auch in Zukunft der technische Fortschritt vorangetrieben werden. Die CDU fordert ein Klima der Innovationsfreude, der Ausrichtung auf Zukunft und Wettbewerb. Existenzgründer mit Ideen für neue Märkte und neue Arbeitsplätze müssen gefördert werden. Besondere Beachtung verdienen ein leistungsfähiges Bildungssystem, das Wissen und Qualifikation fördert, eine moderne zukunftsweisende Verkehrsinfra-struktur und ein modernes Kommunikationsnetz, das eine ausgewogene Entwicklung von Stadt und Land ermöglicht.

Das Steuersystem in Deutschland muss wettbewerbsfähig gestaltet werden um sicherzustellen, dass wieder mehr investiert wird und neue Arbeitsplätze entstehen.
Die CDU will die internationale Konkurrenzfähigkeit sichern, Anschluss halten und dafür sorgen, dass in Deutschland wieder mehr investiert wird, mehr Arbeitsplätze geschaffen werden sowie Arbeitnehmer und Unternehmen entlastet werden. Aus diesen Gründen muss das Steuersystem dringend reformiert werden.
Auch die Belastung der Unternehmen mit Ertragssteuern soll so gestaltet werden, dass Investitionen wieder stärker nach Deutschland fließen. Deswegen ist angestrebt, den für internationale Investoren wichtigen Körperschaftsteuersatz zu senken.

Die CDU will weiterhin die Grenze für die geringfügige Beschäftigung erhöhen: das Stichwort sind 325 Euro Jobs. Sie strebt außerdem an, die Bürokratie in diesem Bereich abzuschaffen und so für neue Arbeitsplätze zu sorgen.
Die Partei setzt sich als Ziel, die Arbeitnehmer im Niedriglohnbereich bei den Sozialversicherungsbeiträgen zu entlasten und mit Zuschüssen dafür zu sorgen, dass die Löhne über den bisherigen Leistungen von Arbeitslosenversicherung oder Sozialhilfe liegen. Das Ziel der CDU lautet: Arbeit muss sich mehr lohnen als Arbeitslosigkeit!
Die CDU will auch dafür sorgen, dass Arbeitsunwillige nicht von Leistungskürzungen verschont bleiben. Nur die wirklich Bedürftigen sollen von den sozialen Sicherungssystemen profitieren.

In den Erklärungen der CDU heißt es: Weniger Staat, weniger Abgaben und mehr Nettoeinkommen für die Bürgerinnen und Bürger!
Sie will Deutschland wieder zu einem Land machen, in dem wachsende, innovative, rentable Unternehmen wieder neue Arbeitsplätze schaffen
Ebenso sollen sich wieder mehr Menschen in Deutschland selbständig machen, ihr Schicksal in die Hand nehmen und Freude an Leistung und Verantwortung haben.

2.2. Grundsatzprogramm der CDU Deutschland

Das Grundsatzprogramm der CDU “Freiheit in Verantwortung“ (5. Parteitag, 21. – 23. Februar 1994, Hamburg) erklärt die Gleichberechtigung von Mann und Frau sowie den Status der Familie als Fundament der Gesellschaft. Es setzt sich zum Ziel, Ehe und Familie zu schützen und Behinderten ein gleiches Recht auf Entfaltung zu gewährleisten. Die Jugend gilt als Zukunft der Gesellschaft. Ebenso muss die Lebenserfahrung der Senioren anerkannt werden.
Ein weiterer Schwerpunkt des Grundsatzprogramms ist die Kultur. Es gilt, Erziehung und Bildung zu erneuern sowie Medizin und Freiheit in eigene Verantwortung zu nehmen. Es müssen mehr Freizeit- und Sportangebote bereitgestellt werden. Die Freiheit der Kunst ist beizubehalten.

Ein weiterer Bestandteil dieses Grundsatzprogramms besteht darin, soziale Gerechtigkeit zu sichern sowie die Demokratie zu festigen. Das heißt, die Handlungsfähigkeit des Staates zu sichern und das Staatsbürgerbewusstsein im demokratischen Gemeinwesen zu festigen.
Große Bedeutung wird der Schaffung der europäischen Einheit gewidmet. Es gilt, die Vielfalt zu bewahren und außerdem zum Frieden und zur Sicherheit beizutragen.
Ebenfalls gilt es, Wissenschaft und Forschung zu fördern.
Der Schutz der Schöpfung ist ein weiterer Inhaltspunkt des Grundsatzprogramms. Dies heißt, die Umweltpolitik in Deutschland fortzusetzen und eine Globale Umweltpartnerschaft zu schaffen.
3. Ökologische und soziale Marktwirtschaft

3.1. Prinzipien der ökologischen und sozialen Marktwirtschaft

Die ökologische und soziale Marktwirtschaft ist ein wirtschafts- und gesellschaftspolitisches Programm für alle. Sie steht im Gegensatz zu sozialistischer Planwirtschaft und zu unkontrollierten Wirtschaftsformen und verwirklicht Freiheit, Solidarität und Gerechtigkeit.
Die Grundlagen sind:
Leistung
Soziale Gerechtigkeit
Wettbewerb und Solidarität

Der Mensch wirtschaftet ohne Rücksicht auf soziale und ökologische Belange. Deshalb muss der Staat die Rahmenbedingungen schaffen, um die Selbstregulierung zu stärken.

3.2. Markt und Wettbewerb

Der Markt gilt als Organisationsform der Wirtschaft. Der Wettbewerb fördert den Leistungswillen des Einzelnen und dient damit gleichzeitig dem Wohl des Ganzen. Markt und Wettbewerb ermöglichen eine effiziente und preisgünstige Versorgung mit Gütern und Dienstleistungen und sorgen für eine auf die Wünsche der Konsumenten ausgerichtete Produktion.
Die ökologische und soziale Marktwirtschaft stützt sich auf die Grundlage:

Soviel Markt wie möglich, um Eigeninitiative, Leistungsbereitschaft und Selbstverantwortung des Einzelnen zu stärken und soviel Staat wie nötig, um Wettbewerb und die Marktwirtschaft zu gewährleisten.
4. Mitgliederentwicklung und Organisationsstruktur

4.1. Mitgliederentwicklung bis 1977:

In der Zeit von 1954 bis 1968 stieg die Mitgliederzahl in der CDU um 71.500 an. Josef Hermann Dufhues (11.4.1908 – 26.3.1971, Mitgründer der CDU Westfalen) initiierte eine Mitglieder – Werbekampagne, in der 30.000 Genossen aufgenommen wurden. Von 1969 – 1977 stieg die Zahl der Parteizugehörigen um 361.000 an. Bis 1977 hatte die CDU insgesamt 664.214 Gefährten.

Tabellarische Auflistung der Mitgliederzahlen:

Stand
Mitgliederzahl
April 1954
215 000
Januar 1956
245 000
Juni 1963
250 000
Dezember 1964
280 000
Dezember 1966
280 000
12.01.1967
280 781
31.12.1967
285 804
31.12.1968
286 541
31.12.1969
303 532
31.12.1970
329 239
31.12.1971
355 743
31.12.1972
422 968
31.12.1973
457 393
31.12.1974
530 500
31.12.1975
590 482
31.12.1976
652 010
31.12.1977
664 214

Es ist ein gleichmäßiger Mitgliederzuwachs in Bezug auf die vergehende Zeit zu erkennen. Im Zeitraum von 1954 bis 1977 hat sich die Anzahl mehr als verdreifacht. Von 1971 bis 1972 konnte die CDU innerhalb eines Jahres mehr Mitglieder gewinnen als in der Zeit von 1954 bis 1968. Auch die Tatsache, dass die völlig unterschiedlich strukturierten Landesverbände der CDU in der Zeitspanne von 1970 bis 1976 ihre Zugehörigkeit mindestens verdoppelt, wenn nicht verdreifacht haben, zeigt den für eine demokratische Partei einmaligen Mitgliederzuwachs. Zwei Drittel der CDU-Mitglieder von 1978 waren 1968 noch nicht Mitglieder der CDU. Diesen enormen Zuwachs an Mitgliedern kann man mit der größeren Aufgeschlossenheit der sogenannten bürgerlichen Schichten ihrer Partei gegenüber in Verbindung bringen. Als weiterer Grund ist die Reform des gesamten Parteiapparates zu betrachten. Durch diese Neugestaltung der Partei war sie erstmals in der Lage, Neumitglieder anzusprechen und diese für ihre Mitarbeit in der CDU zu interessieren. Aus einer Untersuchung des Sozialwissenschaftlichen Forschungsinstituts der Konrad-Adenauer-Stiftung (SFK) aus dem Jahre 1975 über die politischen Auffassungen von Neumitgliedern geht hervor, dass die Zustimmung zu Programm und Weltanschauung der CDU sowie die Möglichkeit der intensiven politischen Information und Einflussnahme die Hauptmotive für den Eintritt in die Partei waren. Dabei ist besonders bemerkenswert, dass zwischen 60% und 75% der neuen CDU-Mitglieder bereit waren, sich im Gespräch aktiv für die CDU einzusetzen, aktiv im Wahlkampf für die Partei zu arbeiten, in Briefen an Massenmedien zu politischen Problemen Stellung zu beziehen und an Wähler- und Bürgeninitiativen teilzunehmen.

4.2. Mitgliederentwicklung bis Ende 2002

Am 31. Oktober 2001 hatte die CDU Deutschlands 608.560 Mitglieder.

Die regionale Mitgliederentwicklung

Anhand der obigen Aufstellung lässt sich erkennen, dass die Mitgliederzahlen in fast allen Landesverbänden rückläufig sind. Dies lässt sich zum Einen damit begründen, dass sich jüngere Menschen nicht mehr politisch engagieren wollen. Zum Anderen verabschieden sich immer mehr ältere Parteimitglieder aus ihrer aktiven Mitgliedschaft. In Berlin steigen entgegen dem allgemeinen Trend die Mitgliederzahlen. Dies begründet sich im zunehmenden Unmut über den rot-roten Senat. Immer mehr Menschen identifizieren sich mit den Zielen der CDU.
4.3. Struktur der Mitgliedschaft
4.3.1. Gliederung

Die CDU Deutschlands gliedert sich in 17 Landesverbände, 27 Bezirksverbände, 372 Kreisverbände und 11.800 Ortsverbände.

4.3.2. Geschlecht

In der CDU Deutschland sind 25,2 Prozent der Mitglieder (153.476) weiblich und 74,8 Prozent (455.084) männlich. In den alten Ländern liegt der Frauenanteil bei 24,7 und in den neuen Ländern bei 30,6 Prozent.

4.3.3. Beruf

In der folgenden Auflistung ist dargestellt, aus welchen unterschiedlichen Berufsgruppen sich die Mitglieder der CDU zusammensetzen. Der größte Teil der CDU – Mitglieder sind selbstständige Unternehmer und Angestellte.

Berufsgruppe
gesamt
Alte Länder
Neue Länder
Selbständige
21,2 %
21,9 %
14,8 %
Arbeiter
8,0 %
7,0 %
18,2 %
Angestellte
27,5 %
26,9 %
33,2 %
Beamte
10,9 %
11,7 %
3,7 %
Rentner/Pensionäre
6,3 %
5,7 %
11,8 %
Hausfrauen/-männer
9,2 %
9,9 %
2,4 %
in Ausbildung
5,0 %
5,2 %
3,0 %
ohne Angaben
11,9 %
11,8 %
12,7 %

4.3.4.Alter

Das Durchschnittsalter aller Mitglieder der CDU Deutschlands beträgt 55 Jahre, wobei das Durchschnittsalter der weiblichen Mitglieder bei 56,2 und das der männlichen bei 54,5 Jahren liegt.

Der Parteieintritt ist möglich ab einem Alter von 16 Jahren.

4.3.5. Dauer der Mitgliedschaft

Stand: 31.12.2000
Stand: 30.10.2001
Mitglieder
in Prozent
in Prozent
unter 10 Jahre
30,2
29,9
10 – 20 Jahre
24,1
23,2
über 20 Jahre
45,7
46,9